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Forschungsinhalte 1998 bis 2010


Das Ereignis Weimar-Jena steht zeitlich im Mittelpunkt einer von R. Koselleck als "Sattelzeit" bezeichneten Epoche, deren Umbruchcharakter jenseits sozialer und politischer Veränderungen auch geistesgeschichtlich bereits von den Zeitgenossen (Schiller, Fr. Schlegel) als "ästhetische Revolution" beschrieben worden ist. Ausgehend von der um 1800 in Weimar und Jena feststellbaren einzigartigen Personenkonstellation, deren Wirken und Beziehungen durch den Sonderforschungsbereich als Kommunikationsverdichtung genauer gefaßt wird, wurde mit Hilfe der Begriffe "Ereignis" und "Kultur" die zuvor vor allem aus der biographischen Verortung einzelner Protagonisten erschlossene Kulturbedeutung Weimar-Jenas inhaltlich näher bestimmt. Aus der Kontingenz von Einzelgeschichten heraus ließen sich über diese Begriffe neue Einsichten in Bedingungen und Formen der qualitativen oder quantitativen Zunahme von Literatur, Künsten und Wissenschaften gewinnen. So fanden sich Antworten auf die Fragen: Welche Voraussetzungen haben das Entstehen großer Werke und wissenschaftlicher Leistungen in Weimar und Jena um 1800 ermöglicht bzw. begünstigt? Wie ist in Weimar und Jena eine Welt im Wandel wahrgenommen worden? Wie ist auf die wahrgenommenen Veränderungen reagiert worden? Und wie hat man versucht, angesichts eines sich ausdifferenzierenden Wissens die Welt in größeren Zusammenhängen synthetisch zu beschreiben?

"Weimar" steht in Deutschland als Identität stiftendes Symbol oder Chiffre für eine nicht machtpolitisch bestimmte "Größe", "Jena" für Wissenschaften und für den liberal-nationalen
Aufbruch zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Als Einheit betrachtet sind beide Städte, so der zentrale Neuansatz dieses Sonderforschungsbereichs, allen anderen Orten und vergleichbaren Konstellationen in Deutschland um 1800 an politisch-kultureller Signalwirkung deutlich überlegen. Die in Weimar-Jena besonders intensiv diskutierte "Kultur" wird in der Zeit um 1800
nicht zuletzt deshalb zum beherrschenden Thema, weil ältere Weltdeutungen an Integrations- und Erklärungskraft verlieren. Der in der Forschung mit "Beginn der Moderne" bezeichneten Pluralisierung der Weltbilder versuchen die Zeitgenossen mit verschiedenen Kulturkonzepten reflexiv zu begegnen. Vergleichbare Problem- und Bewußtseinslagen spiegeln sich auch in gegenwärtigen Diskursen. Die historische Analyse am Beispiel des Ereignisses Weimar-Jena kann Strukturen, Interessen und Akteure in Kulturdiskursen herausarbeiten und heutigen Selbstvergewisserungsprozessen durch Historisierung und Kontextualisierung kritische Impulse vermitteln. Die Fokussierung auf das Ereignis zielt dabei wegen der notwendigen Einbettung eben solcher Kulturdiskurse stets auf die Menschen und ihre Beziehungen, Ambitionen und Wirkungen, die gesellschaftlichen Strukturen und auf das Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft, Wissenschaften und Künsten sowie deren ideelle und materielle Grundlagen in Weimar-Jena am Ausgang des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Angesichts des auf zeitgenössischen Selbst- und Fremdstilisierungen, vor allem aber auf Inszenierungen und Monumentalisierungen des 19. und 20. Jahrhunderts beruhenden Vorverständnisses, das Weimar schließlich sogar zum Symbol für das bessere Deutschland werden ließ, wird jede Beschäftigung mit dem "Ereignis Weimar-Jena" zwangsläufig zu einer Studie über Erinnerungs- und Deutungskulturen. Doch war der Gegenstand des Sonderforschungsbereichs 482 nicht die spätere Rezeptionsgeschichte, sondern das Geschehen jener sechzig Jahre selbst. Weimar-Jena ist ein historischer Ort, den wichtige Akteure wie Wieland und Goethe von Anfang an stilisiert haben. Hinter ihrem selbstironischen Verweis auf Bethlehem steht der überaus ernstzunehmende Anspruch, eine "Leitkultur aus der Provinz" zu formulieren. Durch die Selbstinszenierung, die geschickte Vermarktung literarischer Werke, publikumswirksame Institutionen wie Theater und Zeitschriften oder Aktionen wie den Xenienstreit bzw. die Kontroverse zwischen Aufklärern in Weimar und Romantikern in Jena haben die Protagonisten die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen auf den Ereignisraum gelenkt. Vor allem in den hier entstandenen literarischen und kulturgeschichtlichen Werken wird dabei eine menschheitliche Dimension sichtbar, der eine weltbürgerliche Gesinnung zugrunde liegt, die über einen nationalen Adressatenkreis weit hinauszielt.